Thomas Kohler, CEO von 1zu1scale. (Foto: Darko Todorovic)
Thomas Kohler, CEO von 1zu1scale. (Foto: Darko Todorovic)

Das Vorarlberger Unternehmen 1zu1 hat sich in 1zu1scale umbenannt und positioniert sich als Spezialist für die Skalierung zur Serie. Im Interview spricht CEO Thomas Kohler über den schmalen Grat zwischen additiv und konventionell, die neue ISO-13485-Zertifizierung und gibt einen Ratschlag, den jedes KMU beherzigen sollte.


Text: Eugen Albisser
Bilder: 1zu1scale / Darko Todorovic

Herr Kohler, seit 2002 steckt «1zu1» im Firmennamen. 2017 fiel «Prototypen» weg, jetzt kommt «scale» dazu. Man sagt, dass jeder Namenswechsel Sichtbarkeit koste und Kunden verwirre. Was war diesmal so dringend, dass es nicht bei «1zu1» bleiben konnte?

Thomas Kohler: Das Kundenverhalten verändert sich. Heute werden die ersten Prototypen oft nicht mehr extern beschafft. Viele Unternehmen fertigen diese selbst mit eigenen 3D-Druck-Anlagen. Die Herausforderung ist dann die Skalierung zur Serie. Genau da steigen wir in Zukunft als Profis ein und begleiten unsere Kunden mit viel Know-how, Erfahrung und den passenden technologischen Lösungen.


Der neue Name enthält «scale». Gleichzeitig schreiben Sie in einer Mitteilung, grosse Serien gehen an die Prototal Group und Sie konzentrieren sich auf kleine Losgrössen. Wie viel Skalierung steckt tatsächlich in 1zu1scale?

Wir sprechen von 1 zu 1'000’000 Teile. Skalieren bedeutet für uns, gemeinsam mit unseren Kunden Schritt für Schritt den Weg von der Stückzahl 1 bis zur Million zu gehen. Gemeinsam mit der Prototal Group kann es dann noch mehr werden.


Sie positionieren sich zudem auf «kleine und filigrane Bauteile». Ab welchen Abmessungen und Toleranzen wird ein Bauteil für 1zu1scale interessant, und ab wann leiten Sie es an die Prototal Group weiter?

Wir sprechen von maximal handgrossen Bauteilen mit 100 mal 100 Millimeter. Im 3D-Druck realisieren wir minimale Wandstärken von 0,22 Millimeter. Details sind auf bis zu 50 Mikrometer möglich. Damit schaffen wir filigrane Bauteile. Gut ist, wenn wir dabei die verfügbaren Bauräume unserer Anlagen optimal nutzen können. Was darüber hinaus geht, ist bei Prototal bestens aufgehoben.

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Drei Namen in 30 Jahren - ein Spiegel für die Transformation der Branche

Drei Namen in 30 Jahren

Was ein Firmenname über die Strategie aussagt: Die Namensstory von 1zu1scale spiegelt die Transformation der gesamten additiven Branche.

1996 gründen Wolfgang Humml und Hannes Hämmerle in Dornbirn ein Unternehmen mit 250 Quadratmetern, zwei Mitarbeitenden und zwei Vakuumgiessanlagen. 2002 erfolgt die Umbenennung zu 1zu1 Prototypen – der Name ist Programm: massstabsgetreue Prototypen aus Kunststoff sind das Kerngeschäft.

2017 fällt das Wort «Prototypen» aus dem Markennamen. Aus 1zu1 Prototypen wird 1zu1, ergänzt um drei Geschäftsbereiche: Prototyping, Manufacturing, Tooling. Hintergrund: Der Prototypenanteil am Umsatz ist von 100 Prozent (2007) auf 50 Prozent (2017) gefallen. Das Unternehmen erwirtschaftet zu diesem Zeitpunkt rund 18 Millionen Euro mit etwa 170 Mitarbeitenden.

2022 wird 1zu1 Teil der schwedischen Prototal Group. 2023 übernimmt Thomas Kohler die Geschäftsführung von den beiden Gründern. 2026 folgt das dritte Rebranding: 1zu1scale signalisiert den Fokus auf Skalierung und Serienfertigung kleiner Kunststoffbauteile. Die Bauteilzahlen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verzehnfacht, das Unternehmen beschäftigt rund 120 Mitarbeitende und 15 Lehrlinge.

2026 Im ersten Halbjahr wird der Firmenname auf 1zu1scale GmbH geändert.

Bild: 1zu1scale und «Storz Medical» realisieren im 3D-Druck kompakte, strömungsoptimierte Luftverteiler für ein Medizintechnik-Gerät. (Foto: Darko Todorovic)



0,22 Millimeter Wandstärke, und trotzdem sprechen Sie von «robusten Strukturen». Können Sie ein konkretes Bauteil beschreiben, mit Wandstärken, Material und der mechanischen Anforderung, die es erfüllen muss?

Dazu gibt es ein gutes Beispiel: Für «Storz Medical» realisieren wir im 3D-Druck einen kompakten Luftverteiler für ein Handstück zur Stosswellentherapie. Das Bauteil fügt sich dank dünnen Wandstärken ins ergonomische Gehäuse, vereint mehrere Funktionen und spart so weitere Teile und Montagezeiten. Trotz filigraner Struktur ist es mit bis zu 6 bar Druck belastbar.


Sie setzen parallel auf 3D-Druck und Spritzguss. Bei welcher Stückzahl kippt die Entscheidung von additiv zu konventionell, und gibt es eine Grauzone, in der beide Verfahren gleichwertig sind?

Oft sind Bauteil-Anwendung und die Materialanforderung wichtiger als die Stückzahl. Je nach Komplexität und Mehrwert des Bauteils können 100’000 Teile und mehr gedruckt werden. Wenn aber ein Spritzgussmaterial notwendig ist, kann Spritzguss schon bei 10 Stück die richtige Wahl sein. Wir haben beide Technologien im Haus, weil wir immer das finale Kunststoffbauteil im Anwendungsfall im Blick haben.

1zu1scale und «Storz Medical» realisieren im 3D-Druck kompakte, strömungsoptimierte Luftverteiler für ein Medizintechnik-Gerät. (Foto: Darko Todorovic)

Bild: 1zu1scale und «Storz Medical» realisieren im 3D-Druck kompakte, strömungsoptimierte Luftverteiler für ein Medizintechnik-Gerät. (Foto: Darko Todorovic)



0,22 Millimeter Wandstärke, und trotzdem sprechen Sie von «robusten Strukturen». Können Sie ein konkretes Bauteil beschreiben, mit Wandstärken, Material und der mechanischen Anforderung, die es erfüllen muss?

Dazu gibt es ein gutes Beispiel: Für «Storz Medical» realisieren wir im 3D-Druck einen kompakten Luftverteiler für ein Handstück zur Stosswellentherapie. Das Bauteil fügt sich dank dünnen Wandstärken ins ergonomische Gehäuse, vereint mehrere Funktionen und spart so weitere Teile und Montagezeiten. Trotz filigraner Struktur ist es mit bis zu 6 bar Druck belastbar.


Sie setzen parallel auf 3D-Druck und Spritzguss. Bei welcher Stückzahl kippt die Entscheidung von additiv zu konventionell, und gibt es eine Grauzone, in der beide Verfahren gleichwertig sind?

Oft sind Bauteil-Anwendung und die Materialanforderung wichtiger als die Stückzahl. Je nach Komplexität und Mehrwert des Bauteils können 100’000 Teile und mehr gedruckt werden. Wenn aber ein Spritzgussmaterial notwendig ist, kann Spritzguss schon bei 10 Stück die richtige Wahl sein. Wir haben beide Technologien im Haus, weil wir immer das finale Kunststoffbauteil im Anwendungsfall im Blick haben.

Kürzlich haben Sie eine Senkerodiermaschine installiert und fertigen nun Stahlwerkzeuge im Haus. Das ist eine Investition in klassische Spritzgusstechnologie, nicht in additive Fertigung. Heisst das: Wer 3D-Druck-Serie machen will, braucht am Ende doch den konventionellen Werkzeugbau?

Da entscheiden wieder Anwendung und Anforderung. Weil in der Medizintechnik meist Stahlwerkzeuge gefordert werden, haben wir investiert. Erodieren können wir aber in Stahl und Aluminium. Das verschafft uns noch bessere Resultate bei Details und Oberflächenbeschaffenheit. Zudem erhöhen wir die Haltbarkeit der Werkzeuge.


Sie haben nun ISO 13485 seit Mitte 2025, einen Reinraum seit zehn Jahren. Was war der aufwendigste Teil der Zertifizierung: die Dokumentation, die Prozessvalidierung oder etwas, das Sie nicht erwartet haben?

Die Summe von allen. Da wir schon seit Jahren genau dokumentieren und professionelle Abläufe pflegen, hatten wir einen Startvorteil. So konnten wir die Zertifizierung im ersten Anlauf schaffen. Darauf sind wir stolz.

1zu1scale fertigt in kurzer Zeit komplexe Serienbauteile aus Kunststoff für regulierte Branchen wie die Medizintechnik und Elektronik. (Foto: Darko Todorovic)
1zu1scale fertigt in kurzer Zeit komplexe Serienbauteile aus Kunststoff für regulierte Branchen wie die Medizintechnik und Elektronik. (Foto: Darko Todorovic)

Stellen wir uns ein konkretes Szenario vor: Ein Medizintechnik-Startup steht vor der Wahl, Spritzguss in Asien mit langer Lieferkette oder 1zu1scale in Dornbirn mit kurzen Wegen. Ab welcher jährlichen Stückzahl kippt die Rechnung zugunsten Asiens, und welches Argument zählt jenseits des Stückpreises?

Das hängt ganz vom Teil ab. Je komplexer und multifunktionaler, desto besser für 1zu1scale. Wie erwähnt, ist die Stückzahl nicht das entscheidende Kriterium. Bei sensiblen Entwicklungen wie in der Medizintechnik macht gute Kommunikation den Unterschied. Wir bringen Verständnis und Erfahrung mit, sind schnell erreichbar und direkt ansprechbar. Dazu bieten wir beide Optionen an: 3D-Druck und Spritzguss.


Die Prototal Group hat angekündigt, 2026 in Zentraleuropa stark zu wachsen. Was bedeutet das konkret für den Standort Dornbirn: Wächst die Belegschaft, kommen weitere Maschinen?

Prototal ist nicht zufällig Marktführer in Nordeuropa. Mit dem Bekenntnis zum DACH-Raum gehen auch Investitionen einher. 1zu1scale wird sich weiter fokussieren und zum Center of Competence für Medical und Electronic in der Prototal Group werden. Dazu bauen wir die Kapazität im 3D-Druck mit weiteren Grossanlagen der neuesten Generation aus und intensivieren die Partnerschaften mit führenden Anlagenherstellern. Mit dem Portfolio von Prototal sind wir in der Lage, grosse OEM-Projekte von Dornbirn aus abzuwickeln. Weitere Aktionen von Seiten Prototal Group sind zusätzlich geplant. Mehr dazu verkünden wir im Laufe des Frühjahrs.


Zum Schluss eine praktische Frage: Wenn Sie einem Schweizer KMU mit 50 Mitarbeitenden, das gerade sein erstes Kunststoff-Serienprodukt plant, eine einzige Warnung mitgeben dürften: Welcher Fehler kostet am meisten Zeit und Geld?

Vor der eigentlichen Idee des Bauteils schon die Technologie zu fixieren.

 

 

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